Der Tausendfüßler – Das Blog zum Roman


Auf ein Wort Herr Kommissar

Auf der Suche nach dem 240er Bus

Ich habe es wirklich getan. Seit Montag bin ich nun nagelneues Mitglied im Fitness-Studio der Kette MC Fit. Es muss sich ja was bewegen, ich muss mich bewegen. Gerade war ich aus dem Studio an der Prenzlauer Alle gekommen und die Zeit saß mir irgendwie im Nacken, da sah ich zu meinem Pech den Bus – den 240er – von der anderen Seite aus vor meiner Nase wegfahren. Gut, nicht der Rede wert, dachte ich, nimmst Du eben den Nächsten. Doch ehe ich es im Laufen zur Haltestelle richtige sehe, kam doch gleich hinter den gerade verpassten schon der nächste 240er und fuhr an mir vorbei. Nein, fluchte ich innerlich, was ist denn das? Wenn heute der Fahrplan aus irgendeinem Grund der Quere läuft, dann kann ich alle Termine vergessen. Nun ist es auch irgendwie egal. So bog ich Prenzlauer Allee Ecke Mollstraße rechts ab, lief Richtung Rosa-Luxemburg-Platz und wollte noch schnell bei Plus, sowie bei Schlecker einkaufen gehen. Der Bus war ja eh weg. Anschließend, so war der Plan, ohne großes Gerede Richtung Hauptbahnhof; hin zu meinem Termin. Geschultert mit meinem Rucksack, einer Chlorflasche zum Reinigen und einem 10er Pack Milchschnitte begab ich mich nach den Erledigungen zur nächsten Bushaltestelle und hoffe inständig, dass die Bus pünktlich fahren würde.

Mensch Jens, den kennst Du doch

Wann kommt der Bus?

Wann kommt der Bus?

Als ich schlendernd an der Haltestelle ankam, sah ich außer mir einen Herrn, der ebenfalls auf den Bus wartete. Wir waren die Einzigen, die auf den Bus warteten und das sollte auch so bleiben. Schnell lugte ich auf den Fahrplan und sah, dass es noch ca. 10 min waren. Doch während ich so überlegte, ob ich meinen Termin 18 Uhr schaffen würde, ratterten meine Gehirnzellen und während ich mit dem Herrn nun neben mir über die Abfahrtszeiten des Busses sprach – wir analysierten die Wahrscheinlichkeit einer Pünktlichkeit des 240er’s – dachte ich mir: Mensch Jens, den kennst Du doch irgendwoher. Ohne gleich den netten Herrn irgendwo einzuordnen, geschweige denn danach zu fragen, gestand ich dem Herrn vor mir, da ich sah, dass er meine Produkte in der Hand musterte, die Existenz des 10er Pack Milchschnitte in meiner linken Hand.

Das Geständnis

„Tja, ich habe gestern Nacht zwei Milchschnitten meiner Freundin gegessen, um nicht zu sagen – regelrecht weg gefressen – in einem regelrechten ‚Fressanfall’. Und nun habe ich hier ein zehner Pack, um mich zu entschuldigen bzw. das Minus im Kühlschrank auszugleichen. Ich habe es ihr auch versprochen und gerade noch daran gedacht.“ „Was? – Weg gefressen!“ Konstatiert der Herr empört mit gespielter Miene und einem Hut auf dem Kopf. „Aber so was macht man doch nich.“ Noch nicht ahnend, wer da vor mir stand, meinte ich ehrlich: „Doch doch, ich schon. Es war ja nichts anderes, nichts Süßes, mehr im Kühlschrank und einen der Becher Nudossi, der sonst herhalten muss, war auch schon leer.“ „Aber das macht man doch nicht, ehrlich.“ Wiederholte er sich und sprach schon etwas sanfter. „Da kann man doch Brot oder irgendwas anderes Essen. Aber doch nicht die Milchschnitte der Freundin aus dem Kühlschrank ‚wegfressen’.“ Seine Miene blieb weiterhin ernst und bei mir klingelte es langsam. Mensch Jens, das ist doch … ja das ist doch ein bekannter Schauspieler. Ja klar, den kennst du doch noch aus DDR-Spielfilmen, von der DEFA. Mensch, wer war das noch mal? Wenn jetzt meine Mutter hier wäre, dann wüsste ich es sofort wer hier vor mir steht. Mütter wissen immer alles und kennen jeden. Gerade jetzt war sie nicht mit dabei. Die Standpauke wirkte und ich machte ein betröpfeltes Gesicht. „Nun ja, richtig ist es nicht, aber da kann ich nichts machen, wenn es mich mitten in der Nacht überfällt. Und erst noch irgendwelche Eier braten, denn die waren auch noch im Kühlschrank, dazu hatte ich keine Lust.“ Ich überlegte: „Und Brot, neeeee … ich wollte ja was Süßes. So einen richtigen Heißhunger hatte ich, auf Süßes.“ „Na mit dem 10er Pack sollte sie wieder auf dem richten Weg sein alles wieder in Ordnung zu bringen.“ Meinte der Herr und lächelte jetzt ein wenig. „Ich hoffe es doch.“ Sagte ich und hielt für ihn sichtbar stolz meinen 10er Pack Milchschnitten empor.

„Ich kenne Sie doch?“

Eine kurze Pause der Ruhe entstand und ich überlegte immer noch woher ich den Herrn kannte. Schaute auf die Uhr, betrachtete das geschäftige Treiben rund um den Rosa Luxemburg Platz und fragte dann neugierig: „Sagen Sie mal, ehe ich hier dumm herum stehe … darf ich Sie etwas fragen?“ Er nickte und wartete gespannt auf meine neugierige Frage. „Sie sind doch Schauspieler oder?“ „Ja.“ Die Antwort war kurz. „Ich kenne Sie doch“, behauptete ich stolz und habe dabei bestimmt ein wenig doof aus meiner Wäsche geschaut, „Mensch, woher kenne ich Sie bloß?“ Einfach nur DDR-Schauspieler zu sagen, war mir dann irgendwie zu platt. „Tatort.“ Der nette Herr half mir wieder mit einer kurzen Antwort. „Ja genau“, bestätigte ich freudestrahlend, „unter anderem aus dem Tatort.“ Das war es doch. Auch wenn ich den Tatort nur ab und zu mal schaue, nicht so wie einige meiner Freunde denen der Tatort-Fernsehabend am Sonntag heilig ist, so habe ich doch eben die Erinnerung an Kriminaloberkommissar Lutz Werber erhalten. Vor mir stand wahrlich der Schauspieler Ernst-Georg Schwill. Ein Kommissar. „Was heißt hier eigentlich blöd herumstehen?“ Fragte er mich. „Nun ja, wenn ich hier stehe und die Zeit totschlage, um auf den Bus zu warten, dann …“ „… ach was! Man muss sich auch mal etwas entspannen und auch an der Bushaltestelle steht man nicht sinnlos herum. Das ist zum Beispiel ein Moment einmal zu Ruhe zu kommen, weil man es sowieso nicht ändern kann. Berlin ist sehr groß im Durchmesser. Wenn man da von A nach B will, da muss der Mensch sich auch damit abfinden, dass nicht alles gleich klappt.“ „Aber ich habe einen Termin um 18 Uhr.“ Ich lugte erneut auf die Uhr. „Termine“, überlegte er, „ja die gibt es, aber nicht immer kann man pünktlich sein. Das ist so eine Sache. Immer diese Hektik durch diese Termine, dieses Gerieben sein, also das habe ich mir abgewöhnt.“ Ich lauschte seinen Ausführungen und dem Fazit. „Dann ist es eben so.“ Im Grunde genommen hatte er ja Recht. Aufgefallen war mir das auch schon, doch wenn man einmal in dieser Terminmaschinerie drin ist, kommt man nicht so schnell raus. Ich nickte zustimmend und erklärte ihm, dass er nun schon die zweite Person innerhalb weniger Tage war, die mich, wenn auch auf unterschiedlichem Wege, auf diese Farce der Termintreue in unserer Welt aufmerksam machte. Ich erzählte ihm kurz vom Buch von Sabine Kuegler, in dem sie eben diese Problematik der westlichen Welt, immer getrieben von Terminen, immer verplant zu sein, ähnlich dargestellt hat. Wir waren im Gespräch und kamen von einem Thema ins andere.

Bis zum Ziel Berlin Hauptbahnhof

Irgendwann kam dann auch der Bus und wir stiegen ein. Ich hatte meine Monatskarte und ging vor. Herr Schwill zahlte ein Ticket und setzte sich daraufhin neben mich. Wir führten die Unterhaltung bis Hauptbahnhof weiter fort. Wir diskutierten aus unserer Erfahrung über die Arbeit beim Film. Als wir erkannten, dass wir beide auch noch Autoren waren, berichtete er mir von seiner Biografie „Is doch keene Frage nich – Erinnerungen eines Schauspielers“. Im Gegenzug erzählte ich etwas von meinem Roman. Es war ein entspanntes Gespräch mit Herrn Schwill und als wir letztendlich am Hauptbahnhof Endstation ankamen und ausstiegen, bekam ich noch eine Autogrammkarte für meine Mutter, um diese in das Buch legen zu können, welches ich ihr zum Geburtstag schenken wollte. Durch diese schöne Begegnung hatte ich auch gleich das passende Geschenk gefunden: Die Biografie von Herrn Schwill. Wir verabschiedeten uns freundlich voneinander, wünschten uns noch einen guten Tag – zusätzlich wies mich Herr Schwill noch auf den nächsten Tatort in Berlin am 19. April  „Oben und Unten“ hin – und ein jeder ging in unterschiedlicher Richtung weiter. Am Fahrrad angelangt, musste ich innerlich lächeln. Habe ich doch eher zufällig einen Berliner Tatortkommissar getroffen. Welch interessante und angenehme Situation das war. Hätte ich jedoch sofort gewusst, dass hier einer der Herren Kommissare höchst persönlich vor stand, dann hätte ich das Geständnis mit Milchschnitte nicht so leicht preisgegeben. Aber in meiner Langeweile und meinem Quatschwahn war dieses wohl ein wirklich zu leichter Fall gewesen, der binnen weniger Minuten aufgelöst wurde. Ne ne, hätte ich das eher gewusst, wäre ich mit Sicherheit eine wesentlich härtere Nuss im Verhör gewesen. Das könnt ihr mir glauben.

Weitere Informationen:


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1 Kommentar so far
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Danke für diese kurzweilige Geschichte 😉

Kommentar von Anne




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