Der Tausendfüßler – Das Blog zum Roman


Hundekälte auf dem Alex – Berlin im Frost

Kolumne: „Wiedersehen auf dem Alex, Hundekälte.“ – Alfred Döblin lässt grüßen

Mit dem Fahrrad unterwegs in Berlin

© Hauptstadtstudio

Guter Dinge und im Zwiebelsystem warm angezogen, trat ich vor die Haustür. Bohhh, ist das kalt, eine „Hundekälte“ ist das, dachte ich. Da jagt man echt keinen Hund vor die Tür. Es half jedoch alles nichts, der Tag war voll gestopft mit Terminen. Aber wie kalt es wirklich geworden war, merkte ich erst, als ich mein Schloss am Fahrrad nicht mehr aufbekam. Geschlagene fünf Minuten, vielleicht waren es auch sechs, versuchte ich das Schloss zu knacken; mit dazugehörigem Schlüssel wohlgemerkt. Nichts bewegte sich. Mit Hauchen, warme Hände dranhalten, Feuerzeug herauskramen und diversen Kraftübungen mit Daumen und Zeigefinger war der Erfolg in sichtbare Nähe gerückt. „Bloß nicht abbrechen! Ganz ganz vorsichtig …“, betete ich und siehe da ein erstes Erfolgserlebnis an diesem so bitterkalten Tag. Anschließend auf den Sattel geschwungen, war nicht nur dieser spürbar vom Frost in Beschlag genommen worden, sondern gleichzeitig auch die rechte vordere Bremse meines Fahrrades. Das merkte ich aber erst an der ersten Kreuzung Richtung Hauptbahnhof. Oh ha, nur halbe Sicherheit bis Alexanderplatz! Aber anno dazumal gab es auch nur Rücktritt und der Mensch ist heil durch den Verkehr gekommen.

„Wiedersehen auf dem Alex, Hundekälte. Nächstes Jahr, 1929, wird’s noch kälter.“

Zwar haben wir mit der Weile das Jahr 2009, aber schon Alfred Döblin hat es richtig erkannt: Es kann richtig kalt werden in Berlin. Vorbei an den Buden des Weihnachtsmarktes am Alex dürfte nun jeder den Drang spüren, wirklich im Glühweinzeitalter angekommen zu sein. Wenn ich da an die milden Gefilde vor zwei Wochen denke, sind die Berliner nun doch in der kalten, der bitterkalten Jahreszeit angekommen. Als ich dann neuerlich vor meinem Fahrrad stand, gab es ein Revival der Haustüraktion. Wahrlich eine „Hundekälte“ oder sollte ich eher „Schweinekälte“ sagen? In Zeiten der Schweinegrippe ist der Sprecher doch wesentlich hipper, wenn er mit medial aufgemotzten Modewörtern um sich schmeißt. Es wäre jedoch clever gewesen das Schloss auszutauschen oder es zu mindestens einmal zu ölen als ich noch die Gelegenheit dazu hatte. Da stand ich nun auf dem Alexanderplatz, mein Fahrrad fest verschweißt und fühlte mich der genannten Romanphrase aus Döblins „Berlin Alexanderplatz“ sehr sehr nahe. Mit dem Roman setze Döblin dem geliebt und gehassten Alexanderplatz ein literarisches Denkmal. Nur half mir das in jenem Augenblick nicht weiter. Dieses Mal dauerte es wesentlich länger. Aber wie heißt es so schön: Wenn Engel reisen. Auch wenn ich selbst kein Engel bin, war doch einer meiner Weihnachtsengel anwesend und schickte positive Energie in den Zylinder meines Fahrradschlosses.

Berlin: Ich komme wieder zum Alex

„Nüscht wie nach heme“ würde der Sachse sagen und vorsichtshalber das Ersatzschloss benutzen, denn das ist noch voll intakt und sollte die „Hundekälte“ in jeder Ecke Berlins schon aushalten; auch am Alex. Auf der Fahrt zurück in meinen Kiez fiel mir noch ein, dass ich im ersten Jahr meiner Berliner Ankunft und als scharfer Beobachter das Zitat „Wiedersehen auf dem Alex, Hundekälte. Nächstes Jahr, 1929, wird’s noch kälter.“ auf der Oststeite am Haus Alexanderplatz 6 entdeckt hatte. Auf der 220 Meter langen Fassade kann der Betrachter jene Worte lesen. Asche über mein Haupt, ich war jedoch schon einige Straßenzüge weit weg entfernt, um mich davon zu überzeugen, ob denn wirklich noch diese Hommage da prangt? Ich denke schon und beim nächsten Besuch auf dem Alexanderplatz werde ich mich einfach noch einmal vergewissern. Dann aber mit einem besserem Schloss und der höheren Gewissheit, dass ich vom Alex wieder los komme. In diesem Sinne: „Wiedersehen auf dem Alex, Hundekälte. Nächstes Jahr,“ – 2009 – „wird’s noch kälter.“

(Kolumne „`Wiedersehen auf dem Alex, Hundekälte.` – Alfred Döblin lässt grüßen“ ehemals auf hauptstadtstudio.com)

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