Der Tausendfüßler – Das Blog zum Roman


Leseprobe

11. Kapitel

Tragische Verwirrungen

Es war kurz vor Mitternacht, als Miria und Conrad ineinander verkuschelt und glücklich auf dem Sofa lagen. Die Kerzen benötigten nur noch wenig Sauerstoff, bis sie auf den letzten Krümel Docht abgebrannt waren. Auch die Kassette mit der ruhigen Meeresmusik war schon längst verklungen und völlige, entspannte Ruhe umgab die beiden.

„Wenn du möchtest, kannst du bei mir schlafen?“, bot Conrad Miria an. „Ich kann dich aber auch, wenn es dir lieber ist, nach Hause fahren. Kein Problem.“

„Mal sehen“, antwortete sie ihm und seufzte zufrieden in sich hinein, „mal sehen, wie du dich noch so führst. Hast du es überhaupt verdient, dass ich bei dir übernachte?“ Miria fing wieder an etwas vergnüglich zu sticheln.

„Und ob“, gab Conrad überzeugt von sich.

„Was meinst du? Aus welchen Grund sollte ich davon überzeugt sein, bei dir zu bleiben?“ Conrad zuckte unwissend mit den Schultern und schaute Miria voller Wohlbehagen an. Er blieb ihr die Antwort schuldig. Drückte sie dafür ein wenig an sich heran und starrte mit ihr zusammen in das fast lautlose Wohnzimmer.

Miria war etwas verwundert. Sie wartete auf etwas Bekanntes. Sie wartete auf einen ganz bestimmten Satz. Doch Conrad war nicht einer jener Typen, die nach dem Sex unbedingt danach fragen mussten: „Na? Wie war’s?“ oder „Wie war ich?“ Er beließ es dabei und hoffte, dass es ihr genauso viel Spaß bereitet hatte wie ihm. Von ihrem Ex-Freund hatte Miria diese Frage immer und immer wieder nach dem Liebesspiel auf dem Tablett serviert bekommen. Jedes Mal. Kurz danach. Nicht, dass Udo schlecht gewesen wäre und sie ihm etwas vorgaukeln musste, nein, das nicht, aber es nervte ungemein gleich im Anschluss diese Frage zu Gehör zu bekommen. Es nervte sie sogar so sehr, dass sie ihm einmal beinahe gesagt hätte: „Wenn du mich so fragst, total Scheiße! Völlig langweilig und abtörnend. Bei weitem nicht so gut wie …“ Sie wusste natürlich, dass nicht jeder Sex gleich ist. Nicht so fantastisch, so romantisch, so leidenschaftlich, wie es der heutige mit Conrad gewesen war. Ihr war durchaus bewusst, dass es, wie gute und schlechte Tage, auch guten und schlechten Sex gab. Sogar in einer Beziehung konnte man das nicht ausschließen. Jedoch anders als damals hätte sie es sich gerade jetzt so sehr gewünscht, dass Conrad ihr diese eine bestimmte, diese doch verhasste Frage gestellt hätte. Das Conrad sie einfach fragen würde: „Wie war ich?“ oder „Wie war es?“ Denn dieses Mal würde sie es gern aussprechen wollen, es regelrecht ausposaunen, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie würde Conrad liebend gern mitteilen wollen, dass es für sie einmalig toll, wunder-wunder-schön, einfach gigantisch! gewesen war.

Ja. So war es. Gigantisch. Er solle sie doch fragen, damit sie ihn dieselbe Frage stellen konnte. Jedoch blieb es bei den kuscheligen Gesten, die mehr zu sagen schienen als alle lobenden Worte der Welt. Sie schmiegte sich beglückt an ihn und er nahm sie behutsam bei sich auf. Beide machten es sich auf dem Sofa so bequem, wie es nur ging. Eine leichte Sommerdecke lag über ihnen.

Nach einiger Zeit der Ruhe und Entspannung führten Miria und Conrad ihre Unterhaltung über dieses und auch jenes Thema lebhaft fort. Zuvor jedoch schlemmten sie, so als Bonus für den gelungenen Abend, noch ein leckeres Eis. Das mit dem Eis war allein Conrads Idee gewesen. Zusammen waren beide in Richtung Küche geschlendert, wo sie das Frostfach des Kühlschranks plünderten. In dem sich übrigens kein zusätzlicher Mann befand, der zum Küssen bereit stand, wie Miria scherzhaft feststellte. Halb nackt machten sie es sich wieder auf dem Sofa gemütlich. Miria nun im Slip, schließlich hatte sie ja nur ihr Kleid darüber gehabt, und Conrad in seinen Shorts. Sicherlich hätte es eine ganze Weile gebraucht, bevor beide wieder aufgestanden wären, wenn nicht, ja wenn nicht …

… die Klingel an der Wohnungstür die angenehme Unterhaltung gestört hätte.

„Wer kann das sein?“, fragte sich Conrad überrascht. Miria machte ein unkundiges Gesicht und zuckte nichts ahnend mit den Schultern.

„Willst du nachschauen?“, wollte sie wissen.

„Ja“, antwortete er und zupfte sich die Shorts zu Recht. „Es könnte ja auch Mirko sein, der mir noch einen ganzen Batzen Geld schuldet. Mit einem ganzen Batzen meine ich wirklich, dass es nicht gerade wenig ist. Außerdem ist es schon eine verdammt lange Zeit her, als ich ihm es geborgt habe. Er wollte es mir unbedingt diese Woche vorbeibringen. Und glaube mir, dabei ist es ihm völlig schnurz, wie spät es ist. Hauptsache, er ist seine Schulden los.“

„Meinst du wirklich, dass einer deiner Freunde so spät …“ Conrad entfernte sich von ihr und lief zur Wohnungstür.

„Hmm? Vielleicht ist auch etwas Schlimmes passiert oder … Hallo?“ Er betätigte, als er an der Wohnungstür ankam, die Gegensprechanlage, doch niemand antwortete ihm. „Oder vielleicht ist auch etwas mit Alexandra …“, dachte er laut. Da klingelte es erneut. Viel zu schrill, viel zu laut und viel zu nah. Conrad zuckte zusammen. Wenn man wie er direkt im Korridor stand und sich die Ohren schon an die Stille der Nacht gewöhnt hatten, dann war das Klingelsignal wie ein kurzer Schockmoment in der Wahrnehmung des Hörens. Von unten jedenfalls kam das Signal nicht.

Conrad bemerkte, dass diejenige Person, die hier läutete, schon vor der Wohnungstür stehen musste. Da ihm kein Türspion in der Tür zur Verfügung stand, musste Conrad wohl oder übel die Tür aufmachen, um zu wissen, wer sich dahinter verbarg. Vorsichtig lugte er hinter der Wohnungstür hervor und konnte seinen Augen nicht trauen. Da stand doch tatsächlich die Person auf dem Abstreicher, die er jetzt am wenigsten erwartet hatte und vor allem auch noch gebrauchen konnte.

– Anita Sherrow –

„Ach du große Scheiße! Die hatte ich ja ganz vergessen“, schimpfte Conrad in Gedanken zu sich selbst. „Die Adresse, die Telefonnummer, oh, du dämlicher Sack. Wie bekloppt muss einer sein? Vor allem auch noch aufzumachen. Um diese Uhrzeit und gerade jetzt, wo Miria da ist. Hmm.“

„Hallo Conrad – mein Süßer! Willst du mich nicht hereinlassen?“, erkundigte sich Anita und stand über alle Maßen anstößig provozierend im Treppenhaus.

„Hallo Anita. Ich, äh, ich … ist es nicht ein bisschen spät?“

„Wieso spät? Du hast doch gesagt, dass ich jederzeit …“

„Ja schon. Aber … gesagt habe ich das, stimmt. Doch dachte ich, du rufst mich wenigstens vorher an.“ Conrad wusste nicht, wie er sie ohne große Worte und Trara abwimmeln konnte. Anita ließ sich nicht so schnell vor den Kopf stoßen. Er kannte sie sehr genau, wenn es darauf ankäme, würde sie zu einer Hydra werden. Ausfallend, beleidigend, verletzend und dazu noch eifersüchtig. Sie war schon damals, als Conrad mit ihr einige Zeit liiert war, auf jede nur erdenkliche Frau eifersüchtig gewesen, die ihm auch nur im Geringsten ein Lächeln geschenkt hatte. Zwar ein völlig unbedeutendes Lächeln, aber Anita war daraufhin nicht mehr wiederzuerkennen. Sie konnte im Nu ein riesiges Affentheater aufführen, welches der beste Regisseur in seiner ganzen filmischen Laufbahn nicht kreieren konnte, wenn es nicht nach Anitas Kopf beziehungsweise ihrer Gemütslage ging.

Vor allem jetzt, da sich Miria bei ihm aufhielt, war es mehr als unpassend so etwas zu erleben. Deshalb bat er Anita auch nicht herein. Irgendwie, ohne großes Aufsehen zu erregen und möglichst schnell, musste Conrad sie wieder loswerden. Doch wie, fragte er sich. Und welcher Idiot hatte eigentlich die Haustür unten offen stehen lassen?

„Du, Anita. Ich …“, stammelte er.

„Was ist nun?“, forderte sie herrisch und beschloss die Antwort erst gar nicht abzuwarten, sondern drängelte sich einfach an ihm vorbei, das Überraschungsmoment ausnutzend, hinein in seine Wohnung. Regelrecht unsanft zur Seite stieß sie ihn und gab sich lautstark zu erkennen. Conrad musste unweigerlich an Hausfriedensbruch denken. Doch das half ihm kein bisschen weiter.

„Aber“, rief er ihr hinterher und betonte nachdrücklich, „ich habe dich nicht herein gebeten!“

„Hab dich nicht so“, erwiderte sie forsch. „Wirst doch wohl noch Zeit für eine gute alte Freundin haben …“ Plötzlich hielt sie erstaunt inne. Denn ihr entgegen trat niemand anderes als Miria, die sich in der Zwischenzeit das Kleid wieder übergezogen hatte. Die Haare zum Dutt steckend trat sie auf die Schwelle zwischen Wohnzimmer und Korridor.

„Wer ist es denn das, Conrad?“, war Mirias letzter freundlicher Satz, der ihr über die Lippen kam. Denn was Anita plötzlich von sich gab, verfinsterte ihre Miene zusehends.

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