Der Tausendfüßler – Das Blog zum Roman


Kolumne auf hauptstadtstudio.com vom 21. Juni 2010: Die Großstadt ist voller Liebe

Berlin ist voller Gedanken und die Gedanken sind voller Liebe

Kolumne Hauptstadtstudio

© Hauptstadtstudio

Hört ihr auch, wie ich, die Großstadt mit all ihren Stimmen? Hört ihr sie oder seht ihr sogar, die Gedanken, die sich säuselnd formieren und zu einer lieblichen Stimme im Großstadtherzen werden? Berlin ist voll davon, … voll  von Stimmen, voll von jenen Gedanken, die sich von den Balkonen, von den Strandbars, von den Restaurants in den einzelnen Bezirken, von den einsamen Spaziergängern an der Spree oder aus irgendeiner Badewanne oder gar von der heimischen Couch formieren zum Flug. Voll von jenen menschlichen Gedanken, die in den Clubs allein oder zu zweit an der Bar stehen und Ausschau halten; auf ein Lächeln bevor sie weiter ziehen. Es sind Gedanken mit nur einem Ziel. Nach einer Weile immer gen Himmel fliegen und nach und nach auf weitere gleich gesinnte Gedanken stoßen. Da treffen sich der Gedanke einer Dame oder eines Herren, beide schieben still auf der Torstraße den Kinderwagen vor sich her oder einfach ein kleiner unverhoffter Gedanke von einer Person in der Warteschlange einer Kasse im Kaisers. Sie fliegen aus den Köpfen, aus der Wohnung, aus den Drehtüren des Hauptbahnhofs oder entschwirren nur so nebenbei so manchem Fahrradfahrer, der gerade am Hackeschen Markt vorbeifährt Richtung Friedrichshain. Gedanken nicht nur in Mitte, auch am Rand von Berlin, im Norden, im Süden, im Osten und Westen. Gedanken an jeder x-beliebigen Stelle mit nur einem Ziel, da hinzuziehen, wo die Großstadt voller Liebe ist. Wo ist das eigentlich? Sie ziehen über die Spree, drehen noch eine Runde um die Goldelse, irren vielleicht auch kurz durch die Hackeschen Höfe, schlängeln sich für eine Weile im Wirbel um den Fernsehturm und dann ahnungslos weiter durch den Tiergarten, bis sie da angelangen, wo Berlin voller Liebe und Hoffnung ist, da wo Berlin jeden einzelnen Gedanken anzieht wie einen Magneten.

Christopher Street Day 2010 in Berlin ohne Regenschirm

Zurücklehnen und „Rosenstolz“ – Liebe ist alles – hören, den Rest der Tasse Tee schlürfen. Das ist Berlin. Dabei wissen, dass da draußen jemand ist, der denselben Gedanken gerade hat und den man möglicherweise morgen am Alexanderplatz oder auf der Rolltreppe der S-Bahnstation Friedrichstraße trifft. Nur, und das ist ja das tragische an der Großstadt, die so voller Liebe ist, niemand weiß es genau, dass der- oder diejenige, die gerade in der S-Bahn Richtung Spandau neben einem sitzt, gestern den gleichen Gedanken von Liebe auf Berlin los gelassen hat. Hmmm, … und daraus entsteht ein ungewolltes kleines Durcheinander von „Kommen und Gehen“. Es trübt leicht die Intensität des reinen Gedanken innerhalb des liebevollen Augenblicks, der da von einem von dannen zieht. Der Mut für einen anderen Menschen das Herz zu öffnen verliert sich – zusehend. Ist das so? Großes Fragezeichen.  … Am Wochenende vielleicht noch auf dem Christopher Street Day gewesen, wo die Gedanken vereinter oder unvereinter nur so davon folgen – weit und breit – kein Regenschirm in Sicht gewesen oder gar bei der Ü-30-Party im Club Goya Berlin. Egal wo, neben all dem Spaß, den wundervollen Eindrücken und der Hoffnung doch jemanden in die Augen zu blicken und ein Lächeln zu erhalten, welches alles im jetzigen Leben verändert, scheitert es oft daran, dass wir uns unter einem Regenschirm verstecken. Oh ja, einem richtigen oder einem imaginären Regenschirm. Regenschirm bleibt Regenschirm. Warum tragen wir einen Regenschirm mit uns? Sei es, weil wir wieder neuen Mut brauchen, weil gerade jemand gegangen ist. Sei es die Zeit, die wir brauchen, um zu erkennen, dass wir nicht allein sind in dieser großen Stadt – mitten in Berlin. Wer wird kommen und einen da treffen, wo die Gedanken längst verweilen? Wichtig ist es an die Liebe zu glauben und den Regenschirm auch mal in der Tasche zu lassen und nicht aufzuspannen; denn er nimmt uns die Sicht. Die Sicht nach oben.

… wundert sich über die Liebe

Zurücklehnen und „Element of Crime“, den Titelsong zum Film „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“ hören und noch einmal tief durchatmen mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen, das wieder einem ernsten Gedanken und einem sehnenden Blick in den Berliner Abendhimmel weichen muss. Gedanken kommen und gehen, andere Dinge schieben sich in den Vordergrund und werden wichtiger. Doch der eine Gedanke, der da gen Himmel zieht, bleibt trotzdem lebendig und kommt immer wieder zurück. Leider … und es ist nur all zu wahr … kommen und gehen die Menschen im Namen der Liebe. Doch wie heißt es so schön: Wen man geht, kommt man irgendwo an. All diese Gedanken, von den Menschen, die diese Großstadt – unser gemeinsames Berlin – bewohnen, beleben, leiden, lachen und in ihr lieben… all ihre Gedanken treffen sich am Firmament des Berliner Himmels, genau in der Mitte und bilden eine unsichtbare Wolke geschaffen von einer Großstadt voller Liebe. In der die Menschen sich wünschen einen Partner zu haben, den sie auf gleicher Augenhöhe lieben können und von dem sie genauso geliebt werden; völlig egal wer wen liebt – Mann liebt Frau, Mann liebt Mann, Frau liebt Mann, Frau liebt Frau und ein jeder kann sagen: Ich liebe Dich. Alle Gedanken finden sich da oben am Berliner Himmel zusammen und ergeben eine reine Essenz von Sehnsucht, Leidenschaft und einer Portion Glück; Glück,  das der ein oder die andere längst erfahren hat. Die wundervollen Gedanken verbinden sich mit den Wolken und wenn es regnet, dann regnet die Liebe auf unsere Stadt und trifft die Menschen wie der Pfeil Amors. Nur darf „Mann“ und „Frau“, während es regnet, sich eben nicht unter einem Regenschirm verstecken. Niemand muss sich hier verstecken! Denn für alle sind genügend Gedanken in einer Großstadt voller Liebe vorhanden. Hört ihr sie? Hört ihr auch, wie ich, die Großstadt mit all ihren Stimmen? – Es lebe und liebe Berlin und ich höre mir noch ein Lied an.

(Kolumne „Die Großstadt ist voller Liebe“ ehmals auf hauptstadtstudio.com)

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