Der Tausendfüßler – Das Blog zum Roman


Artikel auf Hauptstadtstudio: Über den Film „Groupies bleiben nicht zum Frühstück“

© Buena Vista International

Groupies bleiben nicht zum Frühstück – “Berlin Mitte” lebt!

Groupies bleiben nicht zum Frühstück! Ist das so? Der Titel lässt erahnen, auch wenn es Usus ist das – Groupies nicht zum Frühstück bleiben –, dass hier in diesem Film von Regisseur Marc Rothemund mit dem knallharten Groupie-Regelwerk gebrochen wird. Warum auch nicht?

Seit Wochen läuft dieser Kinofilm auf der Leinwand der hiesigen Kinos und ist im wahrsten Sinne des Wortes ein wahrer, ein waschechter Berliner. Die Handlung des Teenie-Liebes-Filmes spielt in der Hauptstadt und der Zuschauer, der sich in Berlin auskennt, wird in so mancher Szene bekannte Plätze, Straßenzüge und Lokalitäten wieder entdecken. Eben auch viel aus Berlin Mitte und den Anrainerbezirken.

“Berlin Mitte” – Band oder Bezirksname oder beides?

Um „Berlin Mitte“ handelt auch dieser Liebesfilm. Eine Band mit dem Sänger Chriz, gespielt von Kostja Ullmann, die seit einiger Zeit in Deutschland ziemlich angesagt ist. Rockige Musik, kreischende und ohnmächtige Mädchen, permanenter Medienrummel, das ist die Welt in der sich die Band „Berlin Mitte“ befindet und auf der Erfolgswelle schielen sie nach Übersee. Keine Zeitung, kein Fernsehsender, der nicht davon berichtet, kein Teenie, der nicht infiziert ist. Nur Lila Lorenz, gespielt von Anna Fischer, hat von all dem nichts mitbekommen. Sie kommt nach einem Austauschjahr zurück nach Deutschland und trifft per Zufall auf den hübschen Chriz in einer quirlig-komischen Szene, bei der man liebend gern zuschaut. Der Zuschauer genießt die Atmosphäre sowie die Dialoge, in der sich Superstar und “Aschenputtel” annähern. Dass daraus mehr wird und so manch verquickte und herzerweichende Situation noch folgen muss, ist wohl jedem unweigerlich klar. Lila und Chriz – sie sind ein schönes Paar und es ist ein Märchen. Ein modernes Märchen und es gibt sie wieder, diese unterschiedlichen Welten, aber auch die Aura von einer Seele. Nämlich die der Liebe, jene Seele der Herzen zweier Teenager, die sich kennen und lieben lernen. Es ist einfach nur zum Schießen und drollig anzusehen, wie beide bei der Reederei Riedel versuchen ein Ticket zu lösen. Berliner und Nicht-Berliner, die schon mal ein oder zwei Spreefahrten unternommen haben, kennen sicher die ein oder andere Reederei und wahrscheinlich auch die Rederei Riedel. Den Spruch „Touris, das ist Berlin.“, der von Lilas Lippen kommt, als beide sich auf dem Schiff kennen lernen, wird wohl fast jeder unterschreiben können.  Das es in diesem Fall keine Touris, sondern Groupies waren, ist Lila bis dato noch nicht klar. Dem Kinofilm „Groupies bleiben nicht zum Frühstück“ ist es gelungen, aus einem Teenager-Film ein Liebesfilm für Erwachsene zu machen. Abwechslungsreiche Dialoge und die verzwickt-verstrickte Handlung mit wundervollen Zufällen lassen den Zuschauer mit jeder Minute tiefer eintauchen und mitfühlen.

Die Filmmusik von “Groupies bleiben nicht zum Frühstück”

Die Musik der fiktiven Band „Berlin Mitte“, die ausgewählte Filmmusik, untermalt die flippe Geschichte von Lila und Chriz. Dabei ist die musikalische Interpretation von Anna Fischer (Lila) und Kostja Ullmann (Chriz) des Songs „Stumblin’ In“ (im Original von Suzi Quatro & Chris Norman 1978) einfach ein Ohrenschmaus. In den Genuss kommt der Zuschauer jedoch erst am Ende des Films. Dafür wird dieser mit dem Lied „Nicht ohne Dich“ eine Liebeserklärung von Chriz an Lila mitten im Film und einem echt rockigen Lied am Anfang („Battlefield“ im Vorspann) belohnt. Das sind unbestritten die musikalischen High-Lights des Films „Groupies bleiben nicht zum Frühstück“.

Tohuwabohu der Liebe in Berlin

Auch wenn Lila durch ihr Informationsdefizit in der Angelegenheit „Berlin Mitte“ wie eine Landpomeranze wirkt, so weiß sie doch wo ihr Herz hingehört und ist in dieser Angelegenheit eine wahrhaftige Großstadtpflanze Berlins; früher oder später. Es ist spannend, herzerweichend und amüsant den Handlungen der Protagonisten zu folgen. Dabei tun die Mühlen der Medien sowie die Intrigen der neidischen Fans ihr übriges, um das Tohuwabohu komplett zu machen und die Liebe in Gestalt von Lila und Chriz in arge Bedrängnis zu bringen. Der Kinofilm „Groupies bleiben nicht zum Frühstück“ zeigt Berlin wie es ist. Ob Berlin Mitte, Schöneberg oder das Ritz am Potsdamer Platz, die Stadt ist in diesem Film präsent. Chriz und Lila das ist eine echt feingestrickte Story: Er ist ein Star, sie ist Cinderella, das Mädchen von nebenan. Ohne Frage, das ist ein alter Hut, dieser aber in einer neuen Variante, bei der sich der Kinobesuch in jedem Fall lohnt. Der Film hat jedoch noch einiges mehr zu bieten, an Lachmuskel-Power, Berliner Szenerie und den Irrungen und Wirrungen der Liebe.

Hinweis: Wer diesen Film noch auf Kinoleinwand sehen und als Berliner mitten drin im Groupie-Geschehen sein möchte, der muss sich sputen, denn in nur wenigen Kinos wird dieser „Berlin-Mitte“-Film noch gespielt. Ansonsten heißt es nur, warten bis die DVD heraus kommt oder das Fernsehen den Film zeigt.

(Den Artikel – Groupies bleiben nicht zum Frühstück – „Berlin Mitte“ lebt! – gab es zu lesen auf hauptstadtstudio.com.)



Kolumne auf hauptstadtstudio.com vom 21. Juni 2010: Die Großstadt ist voller Liebe

Berlin ist voller Gedanken und die Gedanken sind voller Liebe

Kolumne Hauptstadtstudio

© Hauptstadtstudio

Hört ihr auch, wie ich, die Großstadt mit all ihren Stimmen? Hört ihr sie oder seht ihr sogar, die Gedanken, die sich säuselnd formieren und zu einer lieblichen Stimme im Großstadtherzen werden? Berlin ist voll davon, … voll  von Stimmen, voll von jenen Gedanken, die sich von den Balkonen, von den Strandbars, von den Restaurants in den einzelnen Bezirken, von den einsamen Spaziergängern an der Spree oder aus irgendeiner Badewanne oder gar von der heimischen Couch formieren zum Flug. Voll von jenen menschlichen Gedanken, die in den Clubs allein oder zu zweit an der Bar stehen und Ausschau halten; auf ein Lächeln bevor sie weiter ziehen. Es sind Gedanken mit nur einem Ziel. Nach einer Weile immer gen Himmel fliegen und nach und nach auf weitere gleich gesinnte Gedanken stoßen. Da treffen sich der Gedanke einer Dame oder eines Herren, beide schieben still auf der Torstraße den Kinderwagen vor sich her oder einfach ein kleiner unverhoffter Gedanke von einer Person in der Warteschlange einer Kasse im Kaisers. Sie fliegen aus den Köpfen, aus der Wohnung, aus den Drehtüren des Hauptbahnhofs oder entschwirren nur so nebenbei so manchem Fahrradfahrer, der gerade am Hackeschen Markt vorbeifährt Richtung Friedrichshain. Gedanken nicht nur in Mitte, auch am Rand von Berlin, im Norden, im Süden, im Osten und Westen. Gedanken an jeder x-beliebigen Stelle mit nur einem Ziel, da hinzuziehen, wo die Großstadt voller Liebe ist. Wo ist das eigentlich? Sie ziehen über die Spree, drehen noch eine Runde um die Goldelse, irren vielleicht auch kurz durch die Hackeschen Höfe, schlängeln sich für eine Weile im Wirbel um den Fernsehturm und dann ahnungslos weiter durch den Tiergarten, bis sie da angelangen, wo Berlin voller Liebe und Hoffnung ist, da wo Berlin jeden einzelnen Gedanken anzieht wie einen Magneten.

Christopher Street Day 2010 in Berlin ohne Regenschirm

Zurücklehnen und „Rosenstolz“ – Liebe ist alles – hören, den Rest der Tasse Tee schlürfen. Das ist Berlin. Dabei wissen, dass da draußen jemand ist, der denselben Gedanken gerade hat und den man möglicherweise morgen am Alexanderplatz oder auf der Rolltreppe der S-Bahnstation Friedrichstraße trifft. Nur, und das ist ja das tragische an der Großstadt, die so voller Liebe ist, niemand weiß es genau, dass der- oder diejenige, die gerade in der S-Bahn Richtung Spandau neben einem sitzt, gestern den gleichen Gedanken von Liebe auf Berlin los gelassen hat. Hmmm, … und daraus entsteht ein ungewolltes kleines Durcheinander von „Kommen und Gehen“. Es trübt leicht die Intensität des reinen Gedanken innerhalb des liebevollen Augenblicks, der da von einem von dannen zieht. Der Mut für einen anderen Menschen das Herz zu öffnen verliert sich – zusehend. Ist das so? Großes Fragezeichen.  … Am Wochenende vielleicht noch auf dem Christopher Street Day gewesen, wo die Gedanken vereinter oder unvereinter nur so davon folgen – weit und breit – kein Regenschirm in Sicht gewesen oder gar bei der Ü-30-Party im Club Goya Berlin. Egal wo, neben all dem Spaß, den wundervollen Eindrücken und der Hoffnung doch jemanden in die Augen zu blicken und ein Lächeln zu erhalten, welches alles im jetzigen Leben verändert, scheitert es oft daran, dass wir uns unter einem Regenschirm verstecken. Oh ja, einem richtigen oder einem imaginären Regenschirm. Regenschirm bleibt Regenschirm. Warum tragen wir einen Regenschirm mit uns? Sei es, weil wir wieder neuen Mut brauchen, weil gerade jemand gegangen ist. Sei es die Zeit, die wir brauchen, um zu erkennen, dass wir nicht allein sind in dieser großen Stadt – mitten in Berlin. Wer wird kommen und einen da treffen, wo die Gedanken längst verweilen? Wichtig ist es an die Liebe zu glauben und den Regenschirm auch mal in der Tasche zu lassen und nicht aufzuspannen; denn er nimmt uns die Sicht. Die Sicht nach oben.

… wundert sich über die Liebe

Zurücklehnen und „Element of Crime“, den Titelsong zum Film „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“ hören und noch einmal tief durchatmen mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen, das wieder einem ernsten Gedanken und einem sehnenden Blick in den Berliner Abendhimmel weichen muss. Gedanken kommen und gehen, andere Dinge schieben sich in den Vordergrund und werden wichtiger. Doch der eine Gedanke, der da gen Himmel zieht, bleibt trotzdem lebendig und kommt immer wieder zurück. Leider … und es ist nur all zu wahr … kommen und gehen die Menschen im Namen der Liebe. Doch wie heißt es so schön: Wen man geht, kommt man irgendwo an. All diese Gedanken, von den Menschen, die diese Großstadt – unser gemeinsames Berlin – bewohnen, beleben, leiden, lachen und in ihr lieben… all ihre Gedanken treffen sich am Firmament des Berliner Himmels, genau in der Mitte und bilden eine unsichtbare Wolke geschaffen von einer Großstadt voller Liebe. In der die Menschen sich wünschen einen Partner zu haben, den sie auf gleicher Augenhöhe lieben können und von dem sie genauso geliebt werden; völlig egal wer wen liebt – Mann liebt Frau, Mann liebt Mann, Frau liebt Mann, Frau liebt Frau und ein jeder kann sagen: Ich liebe Dich. Alle Gedanken finden sich da oben am Berliner Himmel zusammen und ergeben eine reine Essenz von Sehnsucht, Leidenschaft und einer Portion Glück; Glück,  das der ein oder die andere längst erfahren hat. Die wundervollen Gedanken verbinden sich mit den Wolken und wenn es regnet, dann regnet die Liebe auf unsere Stadt und trifft die Menschen wie der Pfeil Amors. Nur darf „Mann“ und „Frau“, während es regnet, sich eben nicht unter einem Regenschirm verstecken. Niemand muss sich hier verstecken! Denn für alle sind genügend Gedanken in einer Großstadt voller Liebe vorhanden. Hört ihr sie? Hört ihr auch, wie ich, die Großstadt mit all ihren Stimmen? – Es lebe und liebe Berlin und ich höre mir noch ein Lied an.

(Kolumne „Die Großstadt ist voller Liebe“ ehmals auf hauptstadtstudio.com)



Rezension: Gut gegen Nordwind – Das Theaterstück in der Komödie am Kurfürstendamm mit Tanja Wedhorn und Oliver Mommsen

„Gut gegen Nordwind“ in der Komödie am Kurfürstendamm

Gut gegen Nordwind - Komödie am Kurfürstendamm

Gut gegen Nordwind

Gut gegen Nordwind – Die Liebe kommt mit dem Nordwind

Gut gegen Nordwind - Tanja Wedhorn und Oliver Mommsen

Gut gegen Nordwind

Die Liebe kommt mit dem Nordwind. Auch wenn es nicht direkt der Nordwind ist, der Emmi Rothner das Gefühl der Liebe gibt, so ist es eher die Sehnsucht nach ihr. Jene Sehnsucht nach dem Gefühl der Nähe, nach Zweisamkeit, nach Geborgenheit, nach Zukunft, eben nach alldem was gut tut. Es ist die Sehnsucht vor allem nach einem ganz bestimmten Mann: Leo Leike. Leo Leike ist ihr virtueller E-Mail-Partnter. Mit ihm verbindet Emmi etwas ganz Besonderes. Mit ihm hat sie eine derart starke geistige Verbundenheit, die ihre Gefühle voll und ganz in Beschlag nimmt und damit einhergehend ihr Denken, ihr Handeln, letztendlich ihren Alltag bestimmt. Keine Frage. Es geht schließlich soweit, dass daraus Liebe erwächst, denn es fühlt sich für Emmi gut an Leos Zeilen zu lesen. Und der Spiegel, der funktioniert natürlich, denn umgedreht ist es nicht anders. Leo fühlt wie Emmi. Eine neue Liebe ist emporgestiegen. Was kann daran falsch sein? Eigentlich nichts. Das Crux ist nur das sich Emmi schon in einer Partnerschaft befindet. Demzufolge ist sie wie hin und her gerissen.

Internetbekanntschaften – Die Liebe im Netz finden …

„… also dass gibt es doch nicht wirklich oder? Das geht doch nicht, das ist doch viel zu plump! Das ist nicht real, umständlich ist dass und … irgendwie auch nicht natürlich!“ Doch! Liebe im Netz gibt es. Primär natürlich die Suche und sie ist längst schon zu einem ganz normalen Bestandteil unserer Welt geworden. Über das Internet lernen sich in der heutigen Zeit viele Menschen kennen und kommen sich durchaus näher. Es ist die viel diskutierte -Virtualität-, die den Menschen nicht natürlich erscheint. Dem einem ist es gänzlich suspekt die Liebe über das Netz zu finden, dem anderen hingegen sind die Portale im Netz zeitgemäße Plattformen, um der Liebe, dem eigenen Glück auf die Sprünge zu helfen. Ein Sprungbrett hin zum eigenen Traumpartner. Emmi Rothner ist nun jetzt nicht gerade auf der Suche nach ihrem Traummann. Eher ist es eine Verwechslung der E-Mail-Adresse, die sie an Herrn Leo Leike geraten lässt. Aber irgendwie hat die sich darauf folgende Entwicklung einer doch süchtig machenden E-Mail-Korrespondenz unweigerlich auch den Hauch einer wie oben erwähnten Internetbekanntschaft. Es ist und bleibt eine Suche, ein persönliches Ersehnen nach dem Glück den richtigen Menschen auf der anderen Seite des Bildschirmes vorzufinden. Damit verbunden, tritt hier die ganze Palette menschlicher Gefühle zu Tage.  Das spielerischen Techtelmechtel von Frau und Mann nimmt wie eh und je seinen Lauf. All das, wenn „Er“ und „Sie“ sich eben kennen lernen. Im Theaterstück „Gut gegen Nordwind“ zeigt sich wie eng Wirklichkeit und digitale Welt miteinander verwoben sind. Es sind letztendlich Menschen, die hinter den Buchstaben der digitalen Welt stecken. Somit ist die erwähnte Virtualität nicht das Gegenstück zur Realität, sondern eher ein Teil dieser unserer aller Realität: PARS PRO TOTO – Ein Teil steht für das Ganze. Glattauers Roman ist ein hochmoderner digitaler Briefwechsel mit altbekannten Facetten und neuen Nuancen. Die beiden Protagonisten, Emmi Rothner und Leo Leike, bekommen sich zwar nicht zu Gesicht, lernen sich jedoch mit der Zeit immer näher kennen; eben virtuell. Es sind nur Buchstaben, Wörter und Texte, die von A nach B versendet werden. Doch „Am Anfang“ steht nun mal immer das Wörtchen „Am“ und eine Geschichte nimmt ihren Lauf.

Das Theaterstück in der Komödie am Kurfürstendamm

Als Zuschauer des Theaterstücks ist man im Vorfeld der Aufführung sehr gespannt. Kann ein Theaterstück überhaupt den Bestseller “Gut gegen Nordwind” von Glattauer darstellen? Kann es dem Text überhaupt gerecht werden? Wer das Buch von Daniel Glattauer gelesen hat, fragt sich dies zu Recht. „Gut gegen Nordwind“ lief bis 4. April 2010 in der Komödie am Kurfürstendamm und konnte sich im wahrsten Sinne des Wortes sehen lassen. Die Umsetzung von Glattauers Bestseller gelang dem Regisseur Rüdiger Hentzschel in einer einzigartigen und herzzereißenden Art und Weise. Vor allem die Hauptdarsteller Oliver Mommsen als Leo Leike und Tanja Wedhorn als Emmi Rothner trugen zu einer sensationellen gefühlsechten Inszenierung bei. In Gestik, Mimik und Wortlaut wurden die Gefühle, die sich eigentlich nur im digitalen Briefwechsel des Buches widerspiegelten voll und ganz auf die Zuschauerplätze transportiert. Die Wörter und letzten Endes die Gefühle wurden greifbar. Als Zuschauer befand man sich mittendrin und war jederzeit bereit die Handlung selbst in die Hand zu nehmen falls den beiden irgendwann die Worte ausgegangen wären. Es wurde mit gelacht, mit gelitten und mit gefiebert. Von einer E-Mail zur anderen E-Mail bekam der Text mehr Plastizität. Er wurde greifbar und im wahrsten Sinne des Wortes „fühlbar“. Gefühlswallend akkumulierte sich das Stück zum Showdown. Stets gab es einen Kampf zwischen Verstand und Moral versus Gefühl und dem „Inneren Drang“, das Richtige zu tun. Wie immer ist es uneindeutig eindeutig, was wohl das Richtige wäre. In diesem Fall nämlich den Gefühlen Vorrang zu geben und die Virtualität endlich zu verlassen. Raus, nur raus aus der digitalen Welt. Raus mit dir Emmi, raus mit dir Leo!

Das Gefühl und immer wieder das Gefühl von einem Gefühl

Die schauspielerische Leistung beider Darsteller war brillant. Obwohl sich Emmi und Leo auf der Bühne gegenüber standen, schaffte es die Bühnengestaltung, sowie das Schauspiel beider Protagonisten, dem Zuschauer auf seinem Platz die Anonymität des Internets – die Trennung durch Nullen und Einsen – die digitale Welt treffend zu verdeutlichen. Es war eine gelungene Darstellung von „so weit weg und doch so nah“. So durchzog eine unsichtbare Wand das Spielfeld der Bühne. Alle Liebelei blieb in einem Elfenbeinturm der Sehnsucht und im jeweiligen Wohnungsquadranten von Frau Rothner und Herrn Leike eingekerkert. Wie sollte diese Sehnsucht auch frei kommen, wenn sich keiner von beiden traut auch nur einen Schritt weit weg vom Elfenbeinturm namens Bildschirm zu begeben? Die Geschichte trennte die Protagonisten zwar räumlich, aber nicht vom Gefühl her. Sie fand in der Komödie am Kurfürstendamm eine ansehnlich gemütliche Rekonstruktion in Gestalt von Leo Leikes und Emmi Rothner Wohnzimmer. Mitten auf der Bühne verlief diagonal ein Trennstrich. Auch wenn dieser während des Stücks eindeutig wahrnehmbar war und Emmi Rothner und Leo Leike in ihre jeweiligen Grenzen verwies, so gab es jedoch keine Grenzen ihrer unzertrennlichen und sehnsüchtigen Liebe im Geiste. Denn die war irgendwann nur all zu sehr präsent und hatte sich manifestiert. Der Trennstrich jedoch war ein gelungenes Symbol für die im Roman vorhandene Virtualität und Trennung durch den digitalen Briefwechsel. Emmi und Leo schauten sich während der ganzen Vorstellung nicht einmal in die Augen. „Leo, warum gehst Du nicht einfach rüber und sagst ‚Hallo’, mach es dir doch nicht so schwer“, war der Wunsch, der sich dem Zuschauer aufdrängte und dem man all zu gern gewähr gegeben hätte. Notfalls hätte so mancher Herrn Leo Leike oder Emmi Rothner gern einfach mal auf die andere Seite – in die Realität – hin zum Pendant geschuppst. Sollte Hinüberschupsen aber nicht helfen, kann auch gern getreten oder gezogen werden. Hauptsache der Liebe Quälerei wird ein Ende geboten. Niemand wusste schließlich, wie lange die Ewigkeit der Brautwerbung alla Minnesang, dieses ewige Hin & Her, noch zu ertragen gewesen wäre. Ein gar schmerzlicher Idealismus der Liebe, den es galt bis zum Ende auszuhalten. Natürlich wurde dieser vom Zuschauer sehr unterhaltsam ausgehalten.

Ein Theaterstück ohne Happy End?

„Gut gegen Nordwind“. Das Theaterstück sah sich nicht nur spannend an, sondern fühlte sich auch dermaßen gut an, dass der stürmische Applaus am Ende der Vorstellung voll und ganz gerechtfertigt war. Trotzdem fragt man sich am Ende: Was macht ihr da? Emmi und Leo! Was zum Teufel macht ihr beiden da nur? Nach so viel Gefühl wollen wir doch ein Happy End sehen. Doch hier holt den Zuschauer die Wirklichkeit vollends wieder ein. In jeder Sekunde, die verstrich und der Zuschauer dem Wechsel der schauspielerisch dargestellten Worte folgte, wünschte er sich natürlich nichts sehnlicher als ein Happy End herbei und Leser, die zuvor schon in den Genuss der Geschichte kamen, kannten den Schluss schon. Also hoffe man permanent und glaubte an die experimentelle Eigendynamik so mancher Inszenierung, dass alles passieren kann. Alles sollte auch passieren, nur nicht das, dass am Ende … Wo bleibt denn da die Überraschung? Leider hatte Leo Leike Recht. Nämlich, dass es nur eine virtuelle Liebe ist. Nichts Greifbares, nichts für die Ewigkeit. Real anwesend mag diese Liebe ja gewesen sein, aber nicht für die unmittelbaren Sinne. Es brauchte nur einer nicht mehr zu antworten und die Verbindung wäre für immer getrennt. „Nur keine Trennung, nur keine Trennung, lass den Server nur nicht krachen gehen oder irgendjemanden Leo Leike überfahren.“ Jederzeit war man froh, wenn einer vom anderen den Spielball wieder aufnahm, alle technischen Gerätschaften funktionierten und auch so niemand der beiden aus unerfindlichen Gründen das Gedächtnis und in Folge dessen womöglich die E-Mail-Adresse des anderen verlor. Alle moralischen Bedenken, die in den Dialogen mitschwangen, wollte man nicht wahr haben.

„Gut gegen Nordwind“ – Der Nordwind gibt die Richtung an

Es gab kein -richtig- oder -falsch- mehr. Nur ein: Lass es geschehen, es ist das richtige Gefühl. Außerdem ist doch noch nichts passiert. Eben, nicht passiert – noch nicht. Dass ein kalter Nordwind im Theater am Kurfürstendamm so herzerwärmend sein kann, hätte man im Vorfeld nun wirklich nicht gedacht. Demnach kann folgendes Prädikat vergeben werden: Sensationell kurzweilige Theateraufführung mit viel Gefühl von Daniel Glattkauers Bestseller „Gut gegen Nordwind“. Freunde des Happy Ends wurden hier leider nicht belohnt, die Belohnung eher lag darin, dass sie von der schauspielerischen Leistung permanent belohnt wurden. In jedem geschriebenen, in jedem dargestellten Wort lag die Belohnung für die Zuschauer im wahrsten Sinne im Mitfühlen, sowie den erkenntnisreichen Weg mit Emmi Rothner und Leo Leike gemeinsam zu bestreiten, was nun eigentlich „Gut gegen Nordwind“ ist. Clevererweise steht eine mögliche Gefühlsbelohnung durch ein Happy End ja noch in Aussicht. Nämlich mit Daniel Glattauers Folgeroman „Alle sieben Wellen“. Dieses dann hoffentlich auch wieder mit einer Adaption auf einer der hiesigen Theaterbühnen.

(Artikel „`Gut gegen Nordwind` in der Komödie am Kurfürstendamm“ ehemals auf hauptstadtstudio.com)

Homepage des Autors Daniel Glattauer